Die Kunst des Bierbrauens und der technische Fortschritt gingen lange Zeit eher langsam nebeneinander her, bis vor ca. 200 Jahren ein enormer Innovationsschub einsetzte. Bierbrauen ist heute sowohl Kunst als auch Wissenschaft – und könnte außerdem wesentliche Entwicklungen vorgeben. Das alles und mehr haben wir im Interview mit Raimund Linzer, dem leitenden Braumeister der Privatbrauerei Hirt, erfahren.

Wenn die Mauern der Privatbrauerei sprechen könnten, würden sie über die jahrhundertelange Weiterentwicklung der Brautechnik erzählen, die sie aus erster Hand miterlebt haben. Der Braubetrieb am Standort Hirt wurde bereits 1270 das erste Mal urkundlich erwähnt, seitdem durchlebte man hier in Kärnten alle Evolutionsphasen dieses althergebrachten Handwerks. „Man kann sicher sagen, dass sich unser Handwerk einige Jahrhunderte eher langsam entwickelt hat“, so Raimund Linzer. Es sei, so der Braumeister, dem wissenschaftlichen Entdeckergeist des frühen 19. Jahrhunderts zu verdanken, dass schließlich ein riesiger Sprung dem anderen folgte. „Bier und Innovation haben sich seitdem gegenseitig begünstigt.“, so Linzer.

Ein besonderer Meilenstein war die Entdeckung der Aktivitäten der Hefe – deren Erforschung bis heute nicht abgeschlossen ist. Alleine in der Luft befinden sich noch tausende unerforschte Hefezellen-Arten, wie uns Raimund Linzer erklärt. Als 1516 das deutsche Reinheitsgebot in Kraft trat, war die Existenz des Hefepilzes noch vollkommen unbekannt. Erst die intensive Erforschung führte dazu, dass heute über 1.200 Hefekulturen bekannt sind und in unzähligen Bereichen zum Einsatz kommen. Der Stand der heutigen Bierkultur ist aber vor allem einem Mann zu verdanken – Carl von Linde. Dem Erfindergeist des deutschen Ingenieurs ist das Linde-Verfahren zu verdanken, die Grundlage der ersten modernen Kühlmaschine. Denn vor der Industrialisierung wurde im Brauprozess noch mit Eis gekühlt, welches in Eiskellern gelagert wurde. Das Brauen von untergärigen Bieren in heutigen Mengen, wäre ohne diese moderne Kühlung nicht möglich – Kühlschränke, in denen man besagtes Bier daheim kühlen kann, übrigens auch nicht. 😉


Raimund Linzer sieht das Bierbrauen in einer spannenden Rolle mit besonderer Innovationskraft für die Zukunft. „Es entwickelt sich alles noch weiter in Richtung Nachhaltigkeit, wo mittlerweile zahlreiche Brauereien federführend beteiligt sind.“, so der Braumeister. Nachhaltig, nicht nur im Sinne von natürlich belassenen, regionalen Rohstoffen höchster Güte, sondern auch im Brauprozess. Hauseigene Wasserkraftwerke und Photovoltaikanlagen helfen z.B. in Hirt dabei den ökologischen Fußabdruck der Brauerei zu minimieren.

Den Blick nach vorne gerichtet, bemerkt Linzer aber auch eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Braukunst – Historisch überliefertes Wissen, kombiniert mit der Technik des 21. Jahrhunderts: „Früher konnte man schon am Wasser merken, wo das Bier herkommt. Durch die starke Industrialisierung glich sich der Geschmack an. Dieser Trend kehrt sich zunehmend um.“
Ein Trend, der das Verschiffen von Rohstoffen über tausende Kilometer zunehmend kritisch sieht und sich auf die regionale Produktion konzentriert – So wie es die Privatbrauerei Hirt in den bald 750 Jahren ihrer Existenz immer praktiziert hat.

Ihr seht, die wissenschaftliche Weiterentwicklung war stets auch mit der Produktion unseres Lieblingsgetränks verbunden und wird es auch weiterhin sein. 😊